3 Konzepte aus den Martial Arts in der Softwareentwicklung

Die Softwareentwicklung hat schon länger erkannt, dass wir uns von den traditionellen asiatischen Kampfkünsten (z.B. Karate) einige Praktiken und Tugenden abschauen können um unsere Fähigkeiten als Entwickler zu steigern. Disziplin, Fokus, ständige Verbesserung durch Lernen, ein gesunder Geist, Professionalität, Meisterlichkeit, usw. sind Schlagworte, die man heute mehr als je zuvor im Zusammenhang mit “Software Crafmanship” hört.

Source: http://best-selfdefense.blogspot.co.at/

Kata

Die Kata bezeichnet im Karate eine abgeschlossene Übung, bei der exakt definierte Bewegungsabfolgen durch häufige Wiederholung bis zur Perfektion trainiert werden. Selbes Prinzip findet sich in der Softwareentwicklung als Code Kata wieder, wo Entwickler-Skills wie Clean Code, Test Driven Development (TDD) oder Pair Programming anhand von einfachen Code Beispielen trainiert werden. Die Regeln einer KATA müssen dabei genau beachetet werden. Der Weg zur Lösung erfolgt bewusst in “Baby-Steps” die auftretenden Probleme und die einzelnen Lösungsschritte die notwendig sind bewusst zu machen. Die Lösung ist dabei nicht im Fokus der Code Kata sondern der Weg zur Lösung steht im Vordergrund der Übung. In agilen Unternehmen werden Katas regelmässig zur Weiterbildung der Entwickler durchgeführt. Eine Liste von populären Code Katas findet ihr hier: http://ccd-school.de/coding-dojo/

Dojo

Als Dojo wird im Karate der Übungsraum bezeichnet, in dem Katas durchgeführt werden. Das Prinzip der Coding Dojo bezeichnet demnach das Zusammenkommen mehrerer Entwickler in einem Raum um eine Code Kata gemeinsam durchzuführen. Es gibt unterschiedliche Durchführungsarten einer Coding Dojo. Die Teilnehmer können in wechselnden Paaren (Pair-Programming) an der Kata arbeiten (Randori Kata). Es kann jedoch auch von einem Teilnehmer die Lösung auf einem Beamer vorzeigen (Prepared Kata). Letztlich ist es jeodoch jedem Frei mit Durchführungsarten zu experimentieren. Auf http://codingdojo.org/ findet ihr mehr Infos zu Coding Dojos.

Shuhari

Shuhari ist ein Lern-Konzept, das bei den traditionellen Martial Arts angewendet wird um eine Kampfkunst bis zur höchsten Stufe ( dem Meistergrad) zu erlernen. Die folgende Erläuterung stammt von Wikipedia:

  • shu (守?) “protect”, “obey” — traditional wisdom — learning fundamentals, techniques, heuristics, proverbs
  • ha (破?) “detach”, “digress” — breaking with tradition — detachment from the illusions of self
  • ri (離?) “leave”, “separate” — transcendence — there are no techniques or proverbs, all moves are natural, becoming one with spirit alone without clinging to forms; transcending the physical

Stellen wir uns vor, wir möchten Scrum nach den drei Shu-ha-ri Schritten erlernen: Im ersten Schritt wird streng das Lehrbuch (die Tradition) befolgt, bis dieses verstanden wurde. Erst wenn wir Scrum nach Lehrbuch anwenden können entfernen wir uns langsam von der Tradition um  zu experimentieren (z.B. Individuelles Anpassen des Prozesses an das eigene Unternehmen). Hat man den Umgang mit allen agilen Methoden und Techniken, als auch die eigenen Adaptionen zu einem Schlüssigen Gesamtkonzept vereinheitlicht und kann die Techniken, Werte und Methoden  jederzeit anwenden, so hat man den dritten Lern-Schritt (“ri”)erreicht.

Prof. Dr. Ikujiro Nonaka in Wien

Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit Prof. Dr. Ikujiro Nonaka bei einem Gastvortrag “The Wise Leader” an der Wirtschaftsuniversität in Wien live zu erleben. Nonaka zählt zweifellos zu den wichtigsten Wissenschaftern des Wissensmanagements – dementsprechend groß waren meine Erwartungen und meine Vorfreude. Neben mir waren hunderte Interessierte im Audi Max der WU versammelt und lauschten gespannt einem charismatischen Nonaka.

Der Vortrag war für meinen Geschmack sehr philosophisch angehaucht. Nonaka sprach viel über Visionen, Weisheit, Strategie, Innovationen und Werte, die Manager vermitteln und gestalten müssen. Vor allem sprach er über Phronesis, was er als elementaren Baustein auf den Weg zu einem “Wise Leader” sieht.

Nonaka griff auf Definition von Aristotiles zurück, der Phronesis wie folgt definierte:

“Phronesis is a virtuous habit of making decisions and taking actions that serve the common good.”

Weiters sprach (Nonaka, 2011) über sechs Fähigkeiten, die “Wise Leader” erlernen müssen um Phronesis im Unternehmen zu gestalten:

  1. Die Fähigkeit das Gute zu beurteilen
  2. Die Fähigkeit Räume (jap.: “ba”) zu gestalten
  3. Die Fähigkeit das Essenzielle zu erfassen
  4. Die Fähigkeit das Essenzielle zu kommunizieren
  5. Die Fähigkeit politischen Einfluss zu üben
  6. Die Fähigkeit Phronesis bei Anderen zu fördern

Ich möchte nun auf die sechs Punkte einzeln eingehen.

Die Fähigkeit das Gute zu beurteilen
Neben den Fähigkeiten zu Wirtschaften und zu Führen ist die Zielsetzung für “Wise Leader” moralisch und ethisch korrekt zu handeln. Werte zu vermitteln und Prinzipien zu verfolgen spielt für sie daher eine zentrale Rolle. Der Betrachtungshorizont des “Wise Leaders” geht weit über den des kapitalistisch denkenden Managers hinaus, da dieser die Frage des gesellschaftlichem Nutzens seines handelns stellt.

Die Fähigkeit Räume (jap.: “ba”) zu gestalten
Phronetische Führer gestalten Räume, in welchen ein gemeinsamer Kontext geteilt wird. Dieser gemeinsame Kontext ist die Basis für neues Wissen.

Die Fähigkeit das Essenzielle zu erfassen
Damit beschreibt Nonaka die Fähigkeit sich ständig ändernder Situationen richtig und schnell anzupassen und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.

Die Fähigkeit das Essenzielle zu kommunizieren
Um Andere mit Ideen und Visionen anstecken zu können, müssen Diese klar und deutlich kommuniziert werden. Der phronetische Führer beherrscht die Kommunikation des Essenziellen.

Die Fähigkeit Einfluss zu üben
Damit meint Nonaka die Fähigkeit Menschen zusammen zu bringen und sie zum Handeln anzuspornen, deren Bemühungen und Wissen zur Synthese verschmelzen zu lassen um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.

Die Fähigkeit Phronesis bei Anderen zu fördern
Der Phronetische Führer muss ein System schaffen, in dem Phronesis zwischen den Individuen weitergegeben wird um eine dynamische Organisation zu erreichen, die auf verändernde Bedingungen flexibel und kreativ reagieren kann.

Als Beispiele für phronetische Führer nannte Nonaka Steve Jobs und Soichiro Honda, die seiner Meinung nach die sechs Fähigkeiten des phronetischen Führens besaßen.

Nonaka betonte auch am Beispiel von Apple, dass Unternehmen “Erlebnisse” (Multimedia-Erlebnis) statt “Dinge” (iPod) verkaufen müssen, da sich erst aus dem Erlebnis ein Wert für den Kunden ergibt.

Ganz besonders spitzte ich natürlich meine Ohren, als (Nonaka, 1986) auf Scrum zu sprechen kam. Auch mit Scrum beschreibt er ein Framework, basierend auf Werten, Praktiken und Ritualen um das individuelle Wissen im Produktentwicklungsprozess besser zu verteilen, zu nutzen und produktiver zu werden und legte damit den Grundstein des heute bekannten Scrum in der agilen Softwareentwicklung.

Quellen:

Nonaka (2011), The Wise Leader, Im: Harvard Business Review, May 2011

Nonaka (1986), The New New Product Development Game, Im: Harvard Business Review, January-February 1986